(der jetzt im Buch Bewusstsein und Realität: Warum wir einen freien Willen haben ist)
Ein Digest der Leserpost (2003)
Herr Janew, zu Ihren sehr interessanten logischen und theoretischen Ausführungen gibt es, denke ich, mittlerweile Entsprechungen in den nachmechanistischen Wissenschaften, z. B. die Theorie der morphogenetischen Felder von Rupert Sheldrake oder das Nullpunkts-Energiefeld nach Erwin Laszlo – plausible Erklärungen für bisher ungelöste Rätsel in der Biologie und Physik. Was halten Sie davon?
Sie haben recht, es gibt naturwissenschaftliche
Phänomene, die uns deutlicher auf einige beschriebene Zusammenhänge stoßen als
die alltägliche Erfahrung. Doch ich halte es für wenig sinnvoll, das
Alltägliche grundsätzlich auf physikalische oder biologische Relationen zu
stützen, da auch diese nur Erscheinungsformen von allgemeineren logischen
Mustern darstellen. Das heißt natürlich keineswegs, dass diese Logik nicht auch
in anderen Begriffen beschrieben werden könnte, in denen sie wiederum andere
Seiten offenbart. Für die Infinitesimalstruktur habe ich allerdings noch keine
alternative Beschreibung gefunden. Die meisten Naturwissenschaftler und
Philosophen scheinen lieber einen Bogen um die letzten Konsequenzen ihrer
Erkenntnisse zu machen, als so etwas "Esoterisches" wie allgegenwärtiges
Bewusstsein zu postulieren. Deshalb können sie auch reale Willensfreiheit nicht
erklären.
Wie erklären
Sie die Trennung der individuellen Bewusstseinswelten voneinander? Es ist doch
ein ziemliches Rätsel, dass wir nicht alle telepathisch miteinander vernetzt
sind. Wir wären auch nicht willensfrei, wenn wir ein gemeinsames Bewusstsein
hätten, wie wir etwa einen gemeinsamen Raum – trotz unterschiedlicher
Perspektiven - haben.
Sie sprechen zwei wichtige Punkte an, auf
die ich in dem Artikel der Kürze halber nicht eingegangen bin: Die
Zusammenarbeit von Bewusstsein und Unterbewusstsein und die intersubjektive
Kommunikation. Beides sind umfangreiche Themen, die ich ausführlich in meinem
Buch Die
Erschaffung der Realität behandle. Hier kann ich
nur Hinweise geben:
Wenn jemand eine starke Trennung der
Bewusstseinswelten erlebt, bedeutet dies noch nicht, dass eine solche Trennung
grundsätzlich besteht. Es gibt Menschen, die sich der Einheit allen
Bewusstseins viel stärker gewahr sind als Sie und ich zusammen. Die Frage
müsste eher lauten, warum wir uns ihr nicht bewusst sind. Ohne ins
Esoterische zu gehen, weiß jeder Psychologe um die unterbewusste
Signalübermittlung und somit die Koordination der Erfahrungswelten bei allen
Interaktionen mit der Umgebung. Hinzu kommt eine vorausschauende Selbstzensur
abweichenden Erlebens - wir passen uns einander an. Es geht also um Ebenen der
Bewusstheit bzw. Unterbewusstheit, letztlich unendlich viele. Deren Trennung
kann zwar nur relativ sein, aber immerhin so, dass uns beispielsweise - wieder
in Anlehnung an die konventionelle Psychologie - unterbewusst ausgelöste
Ereignisse wie Zufälle erscheinen.
Andererseits unterscheiden sich unsere
individuellen Bewusstseinswelten noch weit mehr als Raumperspektiven. Ja, eine
wirklich gemeinsame Realität kann es gar nicht geben! Daher ist auch
individuelle Entscheidungsfreiheit kein grundsätzliches Problem. Dennoch
müssen wir unsere Entscheidungen mit denen anderer Individuen und unserem
Unterbewusstsein abstimmen. Da nun beide in umfassendstem Sinn ein Teil unserer
selbst sind - anderen Aspekten des allumfassenden Bewusstseins zugeordnet -
tragen wir in diesem Sinn auch die volle Verantwortung für unsere "objektiven",
oft durchaus sinnvollen Beschränkungen. Wenn wir sie auflösen wollen, müssen
wir uns selbst öffnen. Dies mag ein langwieriger Lernprozess sein, denn einer
bewusster vernetzten Welt muss man persönlich erst einmal gewachsen sein. Doch
es ist der Weg, auf dem wir uns alle in kleineren oder größeren Kurven bewegen.
Eigentlich
ist es doch vollkommen egal, ob freier Wille existiert oder nicht, wenn es
nicht unendlich viele Möglichkeiten gibt. Denn bei endlichen
Möglichkeiten wird jede Entscheidung, die es angeblich gibt, irgendwann einmal
getroffen, wenn nicht in diesem Universum, dann vielleicht nach dem nächsten
Urknall oder eben später. Und kann man Wahrscheinlichkeiten, die irgendwann
ohnehin eintreffen, als freien Willen bezeichnen?
Die umfassendere Bedeutung des freien Willens - also nicht nur im Rahmen
meiner kleinen Welt - hängt tatsächlich davon ab, ob die Welt unendlich ist
oder irgendwie begrenzt. Doch eine Grenze impliziert sofort die Möglichkeit
ihrer Überschreitung. Wir sollten daher nicht zu sehr an der gegenwärtig - z.
B. von der Physik - fassbaren Realität kleben. Wir selbst reichen weit darüber
hinaus. Die physikalisch fundierten Wissenschaften können die Geheimnisse des
Geistes bislang nicht annähernd erfassen. Jede Behauptung, sie würden es in
Zukunft, ist reine Spekulation. Die Physik selbst könnte in diesem Fall nicht
mehr die heutige sein.
Allerdings, auch in einem unendlichen Universum dürften die uns verfügbaren
(wahrscheinlichen, wählbaren) Möglichkeiten bereits innerhalb eines endlichen
Ausschnittes realisiert sein. Diese Frage kann ich in der Kürze kaum
zufriedenstellend beantworten. Aber denken Sie doch einmal darüber nach, dass
jede gewählte Realität nicht nur aus einem fest umrissenen Ereignis besteht,
sondern auch aus einer ganzen Hierarchie alternativer Ereignisse im
Hintergrund, eben jenen, die wir nicht gewählt haben, die aber
keineswegs ausgelöscht, sondern nur abgeschwächt sind. Hier reicht nicht einmal
das quantenphysikalische Viele-Welten-Modell aus, so wie auch dessen Erklärung
des freien Willens durch Zufallsereignisse nichts als Zufall erklärt.
Sind für Sie
"Wirklichkeit" und "Realität" identische Begriffe? Was
bedeuten für Sie „Wahrnehmung“, „Erfahrung“ und „Erleben“?
Ja, ich unterscheide nicht zwischen Realität und
Wirklichkeit. Ich bevorzuge aber bewusst den Begriff „Realität“, um - nach
üblichem Verständnis - klarzumachen, dass es mir nicht um oberflächliche
Wahrnehmungen geht, sondern um die fundamentalsten Begriffe, zu deren Begreifen
wir fähig sind.
Auch unterscheide ich nicht streng zwischen Erleben und Erfahrung, es sei
denn, Sie meinen Erfahrung als Integration des bereits Erlebten. Wahrnehmung,
Erleben, Erfahrung verstehe ich als - relativ diffuse - Aspekte dessen, was ich
mit "Gewahrsein" meine. Das ist allerdings ein komplexer Begriff, der
weit über die üblichen phänomenologischen Begriffsschemata hinaus geht. Der
Artikel Das Selbst,
die Leere und das Gewahrsein deutet dies nur an.
Schon
Sigmund Freud hatte seine Zweifel am freien Willen, nachdem er einmal einen
Hypnotisierten beobachtet hatte, der genau das tat, was man ihm zuvor unter der
Hypnose befohlen hatte. Dabei fand der Hypnotisierte für alle seine
Entscheidungen eine für ihn selbst recht plausible Erklärung – weil er die
psychologische Notwendigkeit empfand, sich selbst seine Handlungen als freie
Willenshandlungen erklären zu können.
Ich meine auch, dass wir innere oder
äußere Impulse oft nur schwer von freien Entscheidungen trennen können, ja es
liegt in der Natur des Bewusstseins allgemein, dass dies letztlich unmöglich
wird. Doch dies ist kein Grund, den freien Anteil des jeweiligen Bewusstseins
an allen Entscheidungen zu leugnen, sogar an solchen, die ihm in Hypnose
vorgegeben wurden und die es im Nachhinein falsch interpretiert. Im Übrigen
hypnotisieren wir uns mit Vorliebe selbst, indem wir uns immer wieder an
bereits gemachten Erfahrungen ausrichten.
Ich kann mir
unter Ihrer "allgegenwärtigen Infinitesimalstruktur" spontan nicht
viel vorstellen. Könnten Sie dafür auch ein deutsches Wort finden?
"Infinitesimalstruktur" ist wirklich das
einzige passende Wort, das mir dazu einfiel. Um zu erfahren, was damit gemeint
ist, muss man natürlich die Erklärung lesen und wird auch dann - das liegt in
der Natur der Sache - eher intuitiv, nicht spontan, verstehen, dass sie unsere
ganze Wahrnehmung bzw. Wirklichkeit durchzieht. Das ist ja z. B. auch bei den
"morphogenetischen Feldern" so, und bei der Infinitesimalstruktur
haben wir es mit einem Begriff zu tun, der ein ganzes Stück über diese Felder
hinausgeht, da er die Entscheidungsfreiheit jeder Erscheinungsform gewährleistet
und nicht nur zulässt.
Die Frage
nach der freien Entscheidung ist für mich wie eine Welle auf der Unendlichkeit.
Solange nicht die letzte Konditionierung erkannt und in Erkenntnis veredelt
wird, werde ich nie eine wirkliche Wahl haben.
Wenn wir unseren Bewusstseinsfokus auf die
uns jetzt gegenwärtige Welt einengen, kann es nicht um "völlig frei"
oder "völlig unfrei" gehen, allenfalls um unseren freien Anteil
am Entscheidungsprozess. Ein solcher allein aber sollte bereits bewirken, dass
wir unsere Verantwortung in jeder Lebenslage bewusster wahrnehmen. Letztlich
geht es natürlich dennoch um "frei" oder "nicht frei" bzw.
alle Konditionierungen, wobei meine Antwort zugunsten des ersteren ausfällt.
Diese kann ich aber wieder nicht mit einem engen Satzlimit begründen. Tut mir
wirklich leid! Einstein soll einmal gesagt haben: „Man mache alles so einfach
wie möglich, jedoch nicht einfacher.“
Die Virtualität, die uns
die Computertechnologie ermöglicht, stellt die konsequenteste Umsetzung unseres
Grundbedürfnisses nach Unwirklichem dar, wie z. B. Rollenspiele, Träume,
Phantasie.
So würde ich das nicht ausdrücken. Die Computervirtualität kommt vielmehr
unserem Bedürfnis entgegen, Wirklichkeit selbst zu gestalten, etwas, das wir in
diesem Umfang bisher nur im Traum oder der Phantasie konnten. Ja, sie ist ein
Spiel und ein Testfeld für Realitätsentwürfe, aber auch für Erfahrungen, die
wir physisch nicht machen können. Gleichzeitig testen wir Grenzen, vor allem
Sinngrenzen, unserer Schöpferkraft aus.
Was bedeutet für Sie
„Glück“?
Ich könnte sagen, Glück ist, wenn man im
Sinne seiner Wertvorstellungen lebt. Oder: Glück ist die Einheit von Ideal und
Material. Aber ohne tieferes Verständnis ist dies nur an der Oberfläche
gekratzt und obendrein missverständlich. Der Glücksbegriff wird oft zu eng
gefasst, zu einseitig auf das Körperliche bezogen, während wir uns doch
praktisch über Körperchemie und optisch/akustische Eindrücke weit hinausgehend
empfinden. Wir sollten deshalb dieses Empfinden erst einmal ernster nehmen, es
aus der Erste-Person-Perspektive untersuchen, kurz gesagt: in uns gehen.
Solange wir unsere geistige Welt als etwas Sekundäres betrachten, höhlen wir
sie selbst aus und brauchen uns dann nicht zu wundern, wenn wir ein inniges
Verständnis von Glück - oder das Glück selbst - vermissen.
Sehen Sie eine Chance
oder eine Falle für das persönliche Glück in der virtuellen Wirklichkeit?
Chancen und Fallen. Wir rücken enger zusammen mit Leuten, die wir sonst nie
kennen gelernt hätten. Aber wir können uns auch entfernen von denen, die uns
sonst einen persönlichen Besuch oder ein Telefongespräch wert gewesen wären.
Vor allem aber sollten wir - bei den vorhin genannten Chancen der
Wirklichkeitserschaffung - nicht vergessen, dass wir auch unsere physische
Realität selbst gestalten: langsamer und viel komplexer, aber auch mit
wesentlich mehr Bedeutung und Verantwortung. Und wer möchte schon ein
wirkliches Baby endgültig durch ein virtuelles ersetzen?
Die Grenzen
zwischen dem Erkennenden und dem Erkannten sind vor allem mit den
quantenphysikalischen Entdeckungen aus den zwanziger Jahren des letzten
Jahrhunderts fließend geworden. Sie stellen aber für das Management unserer
Existenz notwendige Grundmauern, innerhalb derer wir verstärkt an uns selber
arbeiten sollten.
Da stimme ich Ihnen zu. Allerdings ist es wichtig, im
Innersten zu erkennen, dass auch das Erkannte unser ureigenes Produkt ist. Dann
erst können wir über die Beschäftigung mit uns selbst hinaus die Wirkung
unserer Aktionen in der scheinbar unabhängigen Realität konsequent beurteilen.
Ihre Analyse
mag richtig sein, aber eine Hilfe für die Lebenspraxis ergibt sich aus ihr so
leicht nicht.
Das eben Gesagte ist die lebenspraktische
Hilfe: Wir entscheiden frei, aber nur teilweise bewusst, und unsere
Entscheidungen wirken sich in weit größerem Umfang aus, als wir gewöhnlich
glauben. Deshalb haben wir auch die Chance, mehr zu verändern als die
Materialisten uns und sich selbst zugestehen wollen. Diese Einsicht macht es
erst möglich.
Thema Liebe:
Ich frage mich, nach welchen Kriterien man seinen Partner auswählt und ob es
überhaupt "einen" Traumpartner gibt. Bisher habe ich festgestellt:
Mein Traumpartner muss meine positiven Eigenschaften besitzen und zugleich
meine Defizite ausgleichen. Somit projiziere ich also meine Wunschvorstellungen
auf meinen Partner. Er ist also "perfekt" und daraus entsteht
Begierde. Aber wo bleibt dann die Freiheit?
Ich glaube nicht, dass wir das Thema Liebe so
vereinfachen können, so mit positiven und negativen Eigenschaften. Nach meinem
Empfinden bringt eine geliebte Person unsere eigenen besten Eigenschaften zum
Vorschein. Wir fühlen uns so, wie wir gern sein wollen, ja vielleicht
wird uns das jetzt erst bewusst. Die/der Geliebte ist nicht selbst so, wie wir
sein möchten, sondern genau die Person, die unser eigenes Idealselbst anzieht
und mit diesem eine neue Einheit eingeht. Da wir uns meist mehrmals im
Leben verlieben, haben wir auch verschiedene Wahlmöglichkeiten für ein solches
Idealverhältnis. Wahrscheinlich funktionieren nur wenige davon, aber sogar wenn
es nur eine einzige Möglichkeit gäbe, könnten wir sie auch ablehnen.
Begierde wäre dann also die Sehnsucht nach jener neuen
Einheit, und Projektion hier diejenige unseres eigenen Idealselbst - nicht auf
den Partner, sondern gleichsam durch ihn hindurch. Dabei büßen wir niemals
unsere Freiheit ein, es sei denn, wir lassen es zu. Aber würden wir nicht
ziemlich unfrei handeln, wenn wir unser Bestes ablehnen?
Wie können
wir sicher sein, dass unser Gegenüber uns richtig versteht, wenn wir etwas
sagen? Die Wahrnehmung ist bei jedem anders. Und wenn dies so ist, dann lebt
jeder in seiner eigenen Welt, nicht wahr?
Ihre Frage finde ich eine der interessantesten
überhaupt. Aber wir können sie nicht beantworten, wenn wir uns als voneinander
getrennte Individuen betrachten.
Genaugenommen kann keiner sehen, was der andere sieht.
Schon rein mathematisch nicht, da er nicht denselben Blickwinkel hat - im
engeren wie im weiteren Sinn. Wir müssen also aus den Reaktionen des anderen
erschließen, ob er dasselbe sieht wie wir. Doch das ist ja im Grunde wieder das
gleiche Problem: Vielleicht schließe ich ja nur, was für mich Gültigkeit
hat? Wie kommen wir also dazu, zu fühlen, zu sehen und zu verstehen wie der
andere als er selbst?
Hier sollten wir uns klar machen, dass wir selbst
schon einen fast unendlich kleinen Moment später nicht mehr wir selbst sind.
Die Idee der Informationsübermittlung ist demgegenüber sehr beschränkt. In
Wirklichkeit wird ein Bewusstseinsfokus bewegt. Das heißt, wenn wir wissen
wollen, wie der andere etwas versteht, müssen wir seinen Fokus einnehmen, wir
müssen uns in ihn hineinversetzen.
Praktisch geht das nur mit der entsprechenden
Offenheit und Unvoreingenommenheit. Doch es geschieht ja unterschwellig dauernd
von allein. Sie brauchen nur darauf zu achten. Sie nehmen Ihre
"Informationen" und verwenden sie als Tor zu einer anderen
individuellen Wahrnehmung. Dann kommen Sie wieder zurück in eine gegenüber der
ersten wiederum veränderte Individualität. Sonst könnten wir unser Handeln gar
nicht aufeinander abstimmen. Aus dieser ständigen Bewegung wiederum
konstruieren wir eine scheinbar statische "Näherungswirklichkeit" auf
die wir uns "objektiv" beziehen. So bauen wir uns die Illusion einer
objektiven Realität. Als Hilfskonstruktion mag sie oft ganz nützlich sein, doch
sie verbaut auch viele Erkenntnisse, wenn wir sie für absolut nehmen. Die
einzige Realität ist Bewegung! Bewusst oder unterbewusst.
Der Prozess,
den Sie beschreiben, erinnert mich an den Begriff „Emotionale Intelligenz“.
Jede unserer Entscheidungen sollte ein Zusammenspiel von Wissen und
unterbewusstem Handeln, also unseren Emotionen sein.
Ja, Lösungen kommen nicht nur aus dem bewussten Teil
des Bewusstseins, sondern ebenso aus dem unterbewussten, aus der
„Außenwelt", von anderen Individuen oder dem, was manche unter „Gott“
verstehen. Und mit Sicherheit sind noch ganz andere Sinne beteiligt, wie
tägliche „außersinnliche“ Ahnungen und unser Einfühlungsvermögen beweisen. Ganz
zu schweigen von Träumen. Gerade diese Lösungen sind es ja, die scheinbar
verfestigte Denk-Rückkoppelungen sprengen und neue Wirklichkeiten erschließen.
Es gibt eine
Form des Bewusstseins, die keiner Sprache und keines Bildes bedarf. Dieses
Wissen, dass z. B. etwas Bestimmtes geschehen wird, erlaubt keinen Zweifel, es
wird quasi als Einheit empfunden - im Gegensatz zum normalen Wissen, das immer
auch Zweifel beinhaltet, da jede Erkenntnis, die über den Verstand gewonnen
wird, einen logischen Gedankengang und Fakten braucht. Mich würde interessieren
wie Sie derartige "helle Momente" empfinden?
Das ist gar nicht so einfach. Zunächst sehe ich
Intuition und Verstand nicht derart getrennt. Wir denken sozusagen intuitive
Gedanken. Das heißt, intuitiv Erahntes ist nicht von Natur aus schon sicherer
als Geschlussfolgertes. Manche Dinge, die ich auf die von Ihnen beschriebene
Weise plötzlich weiß, treffen ein, andere von diesen hingegen kann ich, wenn
ich sie mir rechtzeitig bewusst mache und ablehne, noch verändern. Die
Intuition besagte dann nur, dass diese Dinge mit hoher Wahrscheinlichkeit
eintreten würden.
Der Philosophie zufolge, die ich in meinem Buch
begründe, erschaffen wir unsere Realität aus vielen Bewusstseinsebenen heraus
selbst. Wir - als unendliche Bewusstseinshierarchie - entscheiden uns im
Austausch mit allen anderen Individuen für die Ereignisse, die uns in unserem
Wacherleben "begegnen". Je tiefer und umfassender die
Entscheidungsebene, desto sicherer tritt das dort gewählte Ereignis ein. Je
oberflächlicher, desto mehr Wahlmöglichkeiten haben wir hier, auf der
uns jetzt bewussten Ebene.
Ob wir nun ein tiefer oder oberflächlicher gewähltes
Ereignis ahnen, sollten wir gleich zu einer der Fragen machen, die wir unserem
Unterbewussten stellen. So wird das Erahnte mit einem Wahrscheinlichkeitsfaktor
versehen, der uns ein realistischeres Urteil erlaubt. Und vor allem beginnen
wir dann zu spüren, inwiefern wir diesem Ereignis zugeneigt sind, ihm
eigentlich schon zugestimmt haben oder ob wir ihm jetzt noch zustimmen wollen.
Wir beginnen unsere Realität bewusster zu gestalten - auf magische Art.
Diese "hellen
Momente" können spontan auftreten, oder sie treten in einem Zustand auf,
der zwischen Schlaf und Wachsein liegt. Sobald dieses Erlebnis vorbei ist, ist
man in seinem körperlichen Denken wieder gefangen. Zwar erinnert man sich
daran, aber das Erlebnis selbst bleibt nicht wirklich fassbar.
Weil es mit unserem Verstand nicht vollständig
begriffen werden kann, nicht in die Muster einer physisch orientierten Realität
passt.
Ich glaube
schon, dass man einen gewissen Einfluss nehmen kann, aber nicht in jeder
Beziehung. Wir leben doch in einer Welt die organisiert ist. Wer gegen die
Regeln verstößt, wird bestraft, wer das Ökosystem zerstört, verhungert.
Entscheiden wirklich wir selbst? Oder glauben wir nur selbst zu entscheiden
weil wir nur den richtigen Gedanken denken können?
Wenn Sie sich wieder Ihr unbegrenztes Wesen
vergegenwärtigen: Kann es dann nicht sein, dass eben dieses Wesen sich auf
bestimmte Umstände, Zentralereignisse und Gesetze freiwillig eingelassen hat?
Um über Ihren einzigartigen Bewusstseinsfokus genau die Erfahrungen zu machen,
die Sie haben? Dabei würde es Ihrer Kompetenz überlassen bleiben, in einem
gewissen Rahmen selbst zu entscheiden - wieder um an Ihren Erfahrungen optimal
teilhaben zu können. Denn wer könnte die Details des Alltags besser handhaben
als ein Bewusstsein, das genau darauf spezialisiert ist?
Wäre ein
freier Wille aller Individuen letzten Endes nicht Chaos?
Nur wenn wir absolut unabhängig voneinander
entscheiden würden. Da wir aber alle sehr komplex miteinander verflochten sind
- psychisch noch viel mehr als physisch - ist jede Entscheidung die
Entscheidung aller Individuen zusammen.
Und auch wenn wir über freien Willen verfügen, können
wir uns nicht selbst widersprechen. Wenn ich ein und dasselbe zugleich will und
nicht will, was wird dann geschehen? Im Idealfall nichts. In der Regel das eine
so und das andere anders, wonach wir dann eine selbsterzeugte Disharmonie zu
bewältigen haben.
Eine
kollektive Freiheit wäre aber eine individuelle Unfreiheit, da nicht jeder für
sich, sondern nur alle im Konsens entscheiden könnten.
Ich höre da immer noch eine gewisse Trennung zwischen
den Individuen und einem übergeordneten Ganzen heraus. Da liegt dann auch das
Tier begraben.
Wenn alle Individuen miteinander verflochten sind,
ohne scharfe Trennung, und sich daraus das Ganze ergibt, dann entscheiden alle
gemeinsam im selben Moment. (Um das genau zu erklären bräuchte ich meinen
Begriff der Infinitesimalstruktur.) So gesehen gibt es auch keine Trennung
zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein, sondern höchstens eine Ausblendung
des einen aus dem anderen. Daraus nun können Missverständnisse, gegensätzliche
Entscheidungen und Disharmonie erwachsen. Das wäre also eine selbstgeschaffene
Unfreiheit.
Die aber ist meist auch ein Segen - worin u. a. auch
ihr Sinn liegt: Nur so können Sie Erfahrungen aus einem bestimmten Blickwinkel
machen, aus einem speziellen Spiel lernen und so das größere Ganze bereichern.
Was andererseits würden wir machen, wenn wir, so wie
wir unser Selbst und unsere Welt derzeit verstehen, über absolute
Freiheit verfügten? Ich glaube, die allermeisten würden zunächst nichts lernen
wollen, aber dann, wenn sie beginnen sich im Schlaraffenland zu langweilen,
freiwillig eine interessantere Welt für sich schaffen - gar nicht unähnlich
unserer jetzigen!
Ich war bis
vor kurzem ein sehr rational denkender Mensch, dessen Weltbild mit einem Schlag
zusammenzubrechen schien, als mir gewahr wurde, dass eigentlich alles
determiniert, d. h. von irgendwelchen biochemischen Vorgängen vorgegeben ist.
Wie stehen Sie dazu?
Wie in dem Artikel beschrieben, ist Bewusstsein selbst
aus der Physik nicht wegzudenken. Die Deterministen unter den Biochemikern
suchen lediglich ihren Glaubensvorstellungen entsprechende Erklärungen. Wenn
sie glauben, dass alles auf molekulare Vorgänge zurückzuführen ist, dann werden
sie Ihre Experimente danach ausrichten und deren Ergebnisse entsprechend
deuten. Kommen sie damit zu einer halbwegs konsistenten Theorie, sind sie
zufrieden, denn nun haben sie ihr Ziel erreicht. Dabei verdrängen sie, dass sie
selbst ganz anders denken als in chemischen Reaktionen, dass sie ihre Gedanken
und Empfindungen nur in solche Reaktionen umrechnen. Doch was dabei von
den geistigen Vorgängen übrig bleibt, erklärt so gut wie nichts, allenfalls
einige Begleiterscheinungen des Denkens. Niemand kann die Handlung des
Teetrinkens durch chemische Reaktionen "erklären", er kann höchstens
die dabei auftretenden chemischen Reaktionen beschreiben. Und dabei muss er von
seinem Bewusstsein ausgehen, von dem was er empfindet, denkt und aus früherem
Empfinden und Denken zu wissen meint. Ständig trifft er Entscheidungen, wie
eine Erfahrung zu deuten sei.
Moleküle sind selbst nicht elementar, wie jeder
Quantenphysiker weiß. Sie sind auch nicht fest, sondern eine Ansammlung von
Wahrscheinlichkeitsfeldern. Und was Wahrscheinlichkeitsfelder eigentlich sind,
weiß niemand. Die ihnen unterstellte absolute Zufälligkeit erklärt, wie gesagt,
ebenso wenig.
Der Determinist bringt es also fertig, von seiner eigenen
Entscheidungsfreiheit zu abstrahieren und sich für deren Nichtexistenz zu
entscheiden. Das ist sein gutes Recht, aber begründet keineswegs die
Allgemeingültigkeit dieser Entscheidung.
Ich finde es besser und angemessener, in mein eigenes
Wesen hineinzuhorchen, auf die Tiefe und den Umfang der Empfindungen zu achten
und mir selbst zu vertrauen. Denn aus dieser Bewusstseinstiefe nur wird das
erschaffen, was ich erlebe. Jede Umkehrung dieses Satzes hängt letztlich in der
Luft. Ganz abgesehen davon, dass ich so zu lebenspraktischen Erkenntnissen
komme, die mir kein Biochemiker vermitteln kann.
Im Prinzip
läuft wohl alles auf die Berechenbarkeit transfiniter Mengen hinaus bzw. auf
die Bereitstellung eines Algorithmus dafür. Wahrscheinlich muss das Zufallsprinzip
stärker einbezogen werden, da selbst heute verfügbare Rechner für so etwas viel
zu langsam sind. Einige Informatiker arbeiten daran, so weit ich weiß.
Ich weiß nicht, ob eine vollständige mathematische
Beschreibung der Infinitesimalstruktur möglich ist. Ich setze daher mehr auf
ein intuitives Verständnis, das auch im Alltag weiterhilft; auf ein möglichst
tiefes Verständnis, das die praktische Anwendung effektiver oder überhaupt erst
möglich macht.
Das Zufallsprinzip innerhalb eines Algorithmus wäre –
soweit ich das sehe – eine Simulation. Weniger weil der Algorithmus
determiniert ist, sondern weil Entscheidungsfreiheit eben nicht auf
Zufall beruht. Allenfalls zum Teil auf der Unvorhersagbarkeit der
Entscheidungen anderer Bewusstseinsaspekte, die aber mit dem uns gerade
bewussten Aspekt im Moment der Entscheidung eine - auch absolute - Einheit
bilden.
Die Sache lässt sich also nicht auf einzelne
Bifurkationen (Verzweigungen) reduzieren. Die Bifurkation ist vielmehr
permanent, das Ganze eine einzige „Multifurkation“. Ob ein dies zulassender
Computer zum Leben erwacht, wäre eine interessante Frage.

