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Was ist Wahrheit?

Wahrheit ist ein umstrittener Begriff. Die einen streiten ihre Existenz grundsätzlich ab - was an sich schon wieder eine Wahrheit wäre. Die anderen sehen sie in einem grundlegenden Glauben, nennen sie "Wissen" und verstehen kaum, warum andere sie zu übersehen scheinen. Aber dass es einen Unterschied geben kann zwischen dem, was man sagt, glaubt und weiß, verstehen alle. Auch was davon Vorrang hat, falls es darauf ankommt.

Ankommt worauf?

Die nachträgliche Rechtfertigung von Entscheidungen

Die Gründe, die wir oft für unsere Entscheidungen angeben, sind oft weniger zwingend und rational, als wir denken - sie erscheinen nur so, weil wir sie im Nachhinein geschickt gewählt haben. Es ist ein Prozess, der uns helfen soll, unsere Entscheidungen sicherer und erklärbarer zu machen. Wir suchen nach Gründen, die unsere Wahl rückwirkend in eine kohärente Geschichte einfügen. Diese Geschichte wiederum gibt uns ein Gefühl von Sicherheit und Identität. Sie hilft uns, die gefühlte Verantwortung für unsere Entscheidung zu reduzieren, indem sie unsere Wahl als logisch, vernünftig und unausweichlich erscheinen lässt. Im Rückblick erscheinen die Alternativen sozusagen weiter voneinander entfernt.

Meinungen

Ich habe versucht zu verstehen, wie Menschen zu ihren Meinungen kommen. Reine Logik und Unvoreingenommenheit sind es jedenfalls selten – weitgehend unabhängig von der Intelligenz. Emotionen verzerren das Denken andauernd in die eine oder andere Richtung. Ängste um irgendetwas tun das ganz besonders. Oft unterschwellig, aber man kann es sehr wohl bemerken, wenn man darauf achtet. In Diskussionen sehe ich manchmal wie unter dem Mikroskop, wie jemand an einer ganz bestimmten Stelle nicht weiterdenkt, sondern immer wieder ins Angenehme abbiegt. Und natürlich soll der Anschein von Rationalität gewahrt werden.

Gibt es eine beständige Realität?

Wenn wir nur im ständigen Wechsel des Blickwinkels existieren können (sensorisch, psychisch, geistig) und dies sinngemäß für jeden beliebigen Wirkungsort gelten muss (Kaum hat's gewirkt, ist es anders), wie entsteht dann Stabilität, also Gleichbleibendes?

Natürlich durch Wiederholung des Wechsels: des Gedankens, der Betrachtungsweise, der gegenseitigen Bestätigung, der Wirkung. Ganz genau kann der Wechsel freilich nur einen unendlich kurzen Moment wiederholt werden, dann muss er bereits über die Wiederholung hinausreichen, um sich nicht selbst aufzuheben. Das heißt, er verändert sich insgesamt und bleibt dadurch offen. Doch zur Stabilisierung genügt schon annähernde Wiederholung. So glauben wir beispielsweise lange annähernd das Gleiche.

Gewahrsein (I) - es ist verwickelt

Die Einzigartigkeit jedes Standpunktes, jedes Blickwinkels kann offenbar nur "überwunden" werden, indem der Standpunkt zu anderen Standpunkten wechselt. Und wiederkehrt. In solchem Wechsel allein, der auch als stetige Änderung erscheinen kann, liegt die Einheit der Welt.

Das Erfassen dieser dynamischen Einheit geht über bloßes Bewusstsein hinaus, weil Bewusstsein (I) immer zu umschreibender Kondensation neigt, das heißt zur Bildung symbolischer, quasistatischer Gegenstände. Dagegen ist der Wechsel zu anderen Standpunkten - anderen individuellen Einstellungen - natürlich offener. Die Wahrnehmung dieses Wechsels nenne ich deshalb Gewahrsein.

Gewahrsein ist also niemals "fest". Es ist immer das Werden von etwas anderem, genauer gesagt von vielem anderen: Es entsteht ständig aus dieser Wechselbewegung und besteht nur in ihr. Es ist damit auch Wahrnehmung von Potential.

Realitätserschaffung 10 Prozent plus

Wie können wir eine absichtliche Realitätsveränderung mit minimalen Annahmen beschreiben?
  1. Wir verändern unsere individuelle Realität. 
  2. Dies wirkt sich auf die Realität anderer Individuen aus. 
  3. Wir treffen auf Widerstände. 
  4. Wir finden Unterstützung. 
All das ist nichts Neues für ein konventionelles, nicht-magisches Weltbild. Das Wort "Realitätserschaffung" suggeriert jedoch mehr: Wir erschaffen auch das, was gewöhnlich als unabhängig von uns angesehen wird.

Radikaler Konstruktivismus - ein Hohlkörper?

Als Begründer des radikalen Konstruktivismus gilt Ernst von Glasersfeld.

Radikale Konstruktivisten sprechen nicht davon, dass wir Realität erschaffen, sondern dass wir Wirklichkeit konstruieren. Was ist der Unterschied?
 
„Realität erschaffen“ heißt letztlich alles erschaffen, ohne Ausnahme. „Wirklichkeit konstruieren“ heißt äußere „Störungen“ interpretieren und so Wirkungen formen.

Damit hat der Konstruktivist den kleineren Anspruch, aber um den Preis der Inkonsistenz. Er kommt nicht umhin, eine äußere Wirkursache einzubeziehen, die seine Konstruktion wesentlich bestimmt. Was diese offenbar vorstrukturierte Wirkung ausübt kann er jedoch grundsätzlich nicht erkennen und will er auch nicht wissen. Wichtig ist nur noch, was in den eigenen Lebenszusammenhängen nützlich ist, wobei „Nützlichkeit“ ebenso konstruiert und damit von jenem außenstehenden Etwas mitbestimmt ist usw.

Laws of Form: Warum Spencer-Brown etwas daneben liegt

In seinem berühmten Buch Laws of Form versucht George Spencer-Brown, die Welt aus dem Einfachsten zu konstruieren. Er beginnt mit einer einfachen Unterscheidung, zum Beispiel einem Kreis in einer sonst strukturlosen Ebene.

Er sagt nicht, dies sei die einzige Möglichkeit zu beginnen, sondern fordert den Leser einfach auf, es zu tun und dann zu sehen, was sich entwickelt. Dazu gibt er weitere Handlungsanweisungen, die möglichst viel auf möglichst wenig reduzieren.